PUT A EGG ON IT

Issue 12
Impro in der Küche


SFr.12.00 Sold Out

Ein Künstler, ein Poet und ein Performance Artist sitzen zusammen am Esstisch. Sie kennen sich nicht. Nach einer Viertelstunde reden sie über 70-jährige Pornodarstellerinnen.

Das sind nicht die Einführungssätze eines schlechten Witzes, sondern der Beschrieb einer Konversation aus dem PUT A EGG ON IT (PAEOI) Foodzine. Hämmern wir ein paar Fakten raus: PAEOI ist ein Zine — die Art von Publikation, die in den 90ern populär, mit der Tumblr-Generation aber längerfristig selbst vom WWF nicht mehr vom Aussterben bewahrt werden kann. Obviously, it’s from New York. Der Titel ist eine Anspielung an den Glauben, dass jedes Restengericht aufgewertet wird, indem man einfach ein Ei drüberschlägt (wenn zweifelst: versuch‘s). Wir haben die Logik hinter der Weigerung, „AN EGG“ im Titel zu binden nicht erkannt. Aber wahrscheinlich ist sie durchdacht. Es ist ein raues Foodporn-Magazin — nicht Betty Bossi oder Michelin-gekrönte Cuisine, sondern improvisierte Menüs in der WG-Küche.

Keine Frage: PAEOI ist das Uberhipster-Magazin. Und wenn wir „Hipster“ sagen, meinen wir nicht die Corporate-Ad-Version von Totebags, gepflegten Rasuren und Hindu-Tattoos. Wir meinen die rohe, authentische, Sorry-I’m-not-sorry Trashform der In-Your-Face Counterculture. Das ist nicht ein positives Votum, zumindest nicht für jedermann; tatsächlich ist das Zine für eine grosse Zürcher Mehrheit wohl zu abgefahren, um etwas damit anfangen zu können. Der Hipsterismus auf den PAEOI-Seiten kann Züge annehmen, dass einem die Pupillen in die Augenhöhlen wegdrehen.

Das Material ist von einem anderen Planeten; wir mussten das Magazin in dosierten Portionen runterschlucken und Verdauungspausen mit unseren eigenen Episoden konventionellen Lebens einlegen. Wer kommt schon auf die Idee, einen Mandel-Datteln-Vanille-Meersalz-Espresso zu verkaufen? Und wer ist verrückt genug, das auch zu trinken? Wer bestellt die neuseeländischen Ananassnacks oder die Limonade aus Illinois im Internet?

Bestellt haben wir die Snacks nicht, aber die URL haben wir eingetippt. Denn hinter all der Alternativ-Coolness kommt etwas anderes hervor: Gerichte und Geschichten, die hungrig machen. Nicht die fotogen-sterile Schi-Schi-Küche, an dessen Portionen man sich zu Tode hungern kann oder die Kriegsverbrechen, die einem in Lowbudget-Kantinen auf das Tablett geklatscht werden. Sondern Menus, für die Hobbyköche ganze Tage investieren, um ihren Freunden ein Festmahl auf den Teller zu zaubern. Kurlige, handgemachte Snacks aus Japan. Produkte, die wir seit unserer Kindheit nicht mehr gesehen haben. Essbare Herzinfarkte mit Rahm über allem und Zutaten, für die wir Google Translate verwenden müssen.

Seit wir die PAEOI-Rezepte gelesen haben, warten wir auf jemanden, der uns zu Lachs-Mousse einlädt. Wir haben gesehen, wie Giuseppe Conte seine Frau, seine Kinder und seine Freunde bekocht. Wir kennen den Grund, weshalb Essen erst dann eingefroren werden darf, wenn es vollständig abgekühlt ist. Wir werden nie einen Fisch mit milchigen Augen kaufen, und wir halbieren Cherrytomaten inzwischen in Rekordzeit. Essende Menschen machen merkwürdige, aber sympathische Fratzen. Und bevor wir es vergessen zu erwähnen: Wir wären echt gerne an dem Künstler-und-Poeten-Dinner am Tisch gesessen.

Sprache: Englisch

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